Fachartikel

Wo ist Sabine?

Diese Frage steht sinnbildlich für den Personalmangel im Einzelhandel. Ursprünglich von Gewerkschaften geprägt, beschreibt der Slogan heute die spürbaren Folgen fehlender Mitarbeitender: verkürzte Öffnungszeiten, reduzierte Serviceangebote und längere Wartezeiten. Der Fachartikel beleuchtet Ursachen, Auswirkungen und zeigt, wie technologische Lösungen und neue Arbeitsmodelle helfen können, den Handel zukunftsfähig aufzustellen.
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er heute in Innenstädten einkauft, kennt dieses Bild: Geschäfte schliessen früher, Servicebereiche bleiben zeitweise unbesetzt und an den Kassen fehlt oft das Personal. Die Situation hat sich in den letzten Jahren zugespitzt – und sie wirft Fragen auf. Eine davon lautet: Wo ist Sabine? Ein Slogan, der mehr ist als eine flapsige Bemerkung, sondern Symbol geworden ist für eine strukturelle Krise im Einzelhandel.
Der Ursprung von „Wo ist Sabine?“

Tatsächlich stammt der Ausdruck aus den 1980er- und 1990er-Jahren und wurde ursprünglich von Gewerkschaften im deutschen Einzelhandel geprägt. Damals war er Teil einer Kampagne, die auf die schlechten Arbeitsbedingungen, Überlastung und die geringe Wertschätzung von Verkaufspersonal aufmerksam machen sollte. Sabine stand dabei stellvertretend für die vielen Beschäftigten – meist Frauen –, die tagtäglich die Arbeit im Handel trugen, oft unter schwierigen Bedingungen. Heute bekommt dieser Slogan eine neue Aktualität: Die Frage, wo Sabine ist, steht sinnbildlich für einen zunehmenden Personalmangel, der die Branche vor ernsthafte Herausforderungen stellt.

Der Personalmangel im Einzelhandel

Die Ursachen für den „Sabine-Effekt“ sind vielfältig. Seit Jahren leidet der Einzelhandel unter einem anhaltenden Mangel an Fach- und Servicekräften. Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich: Immer mehr Mitarbeitende scheiden altersbedingt aus dem Berufsleben aus, gleichzeitig sinkt die Zahl junger Bewerberinnen und Bewerber, die eine Tätigkeit im Einzelhandel anstreben.

Auch die Arbeitsbedingungen spielen eine Rolle. Unregelmässige Arbeitszeiten, Wochenenddienste, körperliche Belastung und vergleichsweise niedrige Löhne tragen dazu bei, dass der Handel im Wettbewerb um Arbeitskräfte oft den Kürzeren zieht. Andere Branchen bieten flexiblere Modelle, Homeoffice-Optionen oder bessere Bezahlung und sind für viele Berufseinsteiger attraktiver.

Konsequenzen für Öffnungszeiten und Service

Die Auswirkungen dieses Trends sind im Alltag spürbar. Zahlreiche Handelsunternehmen reagieren mit angepassten Ladenöffnungszeiten. So schliessen Supermärkte, Filialisten und auch inhabergeführte Geschäfte häufiger früher, haben mehr als nur einen Ruhetag pro Woche oder verzichten auf lange Öffnungszeiten an Wochenenden. Eine aktuelle Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) zeigt, dass rund ein Drittel der Einzelhändler in Deutschland ihre Öffnungszeiten aufgrund von Personalmangel bereits eingeschränkt hat.

Auch der Servicebereich ist betroffen. Viele Bedien- oder Frischetheken bleiben zeitweise geschlossen, Beratungspersonal ist seltener verfügbar. Für Kundinnen und Kunden bedeutet das längere Wartezeiten, weniger Interaktion und oft auch ein reduziertes Sortiment – gerade in service- und beratungsintensiven Bereichen wie Fleisch, Käse oder Frischeprodukten.

Technologische Lösungen als Antwort

Die Reaktion der Branche geht über organisatorische Anpassungen hinaus. Immer mehr Händler setzen auf technologische Lösungen, um dem Personalmangel zu begegnen. Self-Checkout-Kassen, digitale Waagen mit Objekterkennung, vorverpackte Produkte in der Frischetheke, Vorbestelllösungen oder komplett automatisierte Filialkonzepte – gerne als "begehbare Automaten" bezeichnet  – sind längst keine Ausnahme mehr. Ziel ist es, die Zahl der notwendigen Mitarbeitenden im Store zu reduzieren, Prozesse effizienter zu gestalten und zugleich ein flexibles, unkompliziertes Einkaufserlebnis zu bieten.

Auch intern wird umgedacht: Flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Weiterbildungsmöglichkeiten und die Integration digitaler Tools sollen dazu beitragen, den Arbeitsplatz im Handel attraktiver zu gestalten. Gleichzeitig entstehen neue Rollenprofile – weg von rein operativen Tätigkeiten hin zu beratungs- und serviceorientierten Aufgaben.

Fazit

Ein Strukturwandel mit Signalwirkung

Die Frage „Wo ist Sabine?“ hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil: Sie ist heute mehr denn je Ausdruck einer fundamentalen Veränderung im Einzelhandel. Während früher damit schlechte Arbeitsbedingungen angeprangert wurden, steht die Frage heute für einen Personalmangel, der längst zum strukturellen Problem geworden ist.

Die Branche steht vor der Aufgabe, diesen Wandel aktiv zu gestalten. Technologische Innovationen und neue Arbeitsmodelle bieten Lösungen – aber sie ersetzen nicht den Dialog über die Zukunftsfähigkeit des Handels. Wer sich frühzeitig mit den veränderten Rahmenbedingungen auseinandersetzt, kann Prozesse effizienter gestalten, Personal gezielt entlasten und Kundinnen und Kunden weiterhin ein attraktives Einkaufserlebnis bieten.

Denn die Antwort auf die Frage „Wo ist Sabine?“ liegt nicht im Rückblick, sondern im Mut zur Veränderung.

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